Conny’s Flippershow

Geschichten, Erinnerungen, Märchen und Gedichte

Conny’s Flippershow

Ungelesener Beitragvon Admin » 10.11.2010, 20:48

Conny’s Flippershow

Zeitweise arbeitete ich in den 70er-Jahren für die reisende Delphin-Show von Conny Gasser, einem überaus seriösen Schweizer Circusmann. Er stammt aus dem Circus Royal und baute mit seiner deutschen Frau Gerda eine Weltklasse-Luftnummer auf, die in den besten Häusern der Welt auftraten. Als die Artistenlaufbahn zuende ging, wollte er seinem Bruder keine Konkurrenz mit einem weiteren eigenen Circus in der Schweiz machen. Zunächst in Allianz mit dem Circus Knie startete er eine Delphinshow. Da diese Zusammenarbeit nicht lange hielt, baute sich Conny Gasser eine eigene reisende Delphin-Show auf und gastierte damit in der Schweiz, Frankreich und Deutschland. Später kam noch eine zweite Show in Südafrika dazu.
Die Tournee in Deutschland organisierte Walter Sterk, der früher Pressechef bei Sarrasani war und nun mit seiner Frau Lilian Kenny (Trapezartistin) eine Gastspieldirektion in Heidelberg-Ziegelhausen betrieb. Er hatte auch die Deutschlandtourneen für Enis Togni (Circus Heros) und für den Circo Moira Orfei aufgebaut.

Da Conny Gasser oft sehr lange in einer Stadt gastierte, hatte er keine eigenständige Reklamekolonne, sondern machte dies mit dem eigenen Personal selber. Aber in grösseren Städten war er damit überfordert und engagierte mich als Profi dazu. Mit seinen Leuten plakatierte ich Berlin, Stuttgart, Ulm und andere Städte. Mit Walter Sterk in Kooperation sorgten wir gemeinsam für die beste Werbung.

Hier will ich einige Episoden aus dieser Zeit erzählen, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind:

Bei dem Gastspiel in Ulm 1974 kamen zu den beiden Delphinen noch zwei Seelöwen dazu. Als diese zum ersten Mal zu den Delphinen ins Bassin gelassen wurden, entstand eine Panik bei den Delphinen und diese pflügten Rücken an Rücken in grosser Geschwindigkeit durchs Bassin. Die Seelöwen spürten die Gefahr und sprangen schnell wieder aus dem Wasser. Einer der beiden kalifornischen Seelöwen hatte einen grossen Schnurrbart. Deswegen nannte der englische Trainer Garrie ihn ”Adolf”. Mit diesem Tier wurde Jahre später Robbie Gasser zum grossen Star im Lido in Paris und in Las Vegas. Der Handstand auf der Nase von Adolf und das auf der Nase getragen werden von Robbie waren einmalig. Wie die Eltern wurde so der Sohn zum artistischen Star in den besten Häusern der Welt.

Da das alte Gradin, das kurz unter dem oberen Beckenrand eingehängt wurde, nicht im aller neusten Zustand war, waren die Bauabnahmen immer etwas heikel. Besonders Stuttgart war diesbezüglich gefürchtet, denn die Abnahme unter der Leitung des Ingenieur Allgeier war als überaus streng bekannt. Rechtzeitig wurde 1975 das Zelt, Bassin und Gradin auf dem Cannstatter Wasen aufgebaut und die Abnahme angesagt. Es kamen sechzehn strenge Augen und besichtigten die Zeltanlage. Wir hatten parallel zusätzlich eine Pressekonferenz im Zelt anberaumt und das regionale Südwestfernsehen war mit Team im Einsatz.
Als nun die Bauabnahme-Kommission das Zelt von innen besichtigte, liess der Trainer die Delphine ausgiebig springen, dass das Salzwasser in alle Richtungen spritzte. Nun war die Kommission etwas abgelenkt und mied die feuchten Bretter im vorderen Bereich. So wurden, wie erwartet, die nicht beleuchteten Notausgänge beanstandet und noch so ein paar Kleinigkeiten, die leicht zu beheben waren. Aber die alten Bretter des Gradinbodens wurden nicht gross besichtigt. Diese waren zwar stabil, aber durch die Salzwassereinwirkung nicht mehr im besten Zustand. Sie wurden zwar immer wieder ausgetauscht, aber wurden öfters kritisch begutachtet.

Die Stempel der Bauabnahme wurden erteilt und das Gastspiel wurde ein grosser Erfolg. Ich hatte wochenlang dort plakatiert, die ganzen Bauwände vor der U-Bahn-Baustelle vor dem Königsplatz mit Delphinplakaten und Abdeckpapier überdeckt, denn vorher gastierte der Circus Krone in Stuttgart und alle Wände bis zum letzten Zentimeter mit seinen Plakaten verschönert. Die Kolonne unter Herrn Blau hatte zehn Mann und der Circus Krone grosse Plakatbogen. Dagegen waren die Plakate von Conny’s Flippershow piepsig und ich musste mit meinem ganzen Können improvisieren. Eine tagelange Knochenarbeit! Ausserdem hängten wir tausend Tafeln auf und vieles mehr. Aber es zahlte sich aus.

Wenn ich von meinen Einsätzen zurück kam und das leere Zelt betrat, dauerte es nicht lange bis die beiden Delphine auftauchten und mich begrüssten. Sie erkannten mich an meinem Schrittmuster sofort und kannten meine Stimme genau. Denn ich sass oft lange am Beckenrand und sprach mit ihnen. Sie mochten es auch, wenn ich sie im Kopfbereich berührte und an ihren Lauten hörte ich ein Wohlbefinden. Gerne wäre ich mit ihnen im Bassin geschwommen, aber das war nicht erlaubt. Denn dadurch hätte ich Keime ins Wasser gebracht, die den beiden Tieren möglicherweise geschadet hätten. Nur beim Transport der Beiden von einer Stadt zur Nächsten, mussten diese im abgelassenen Wasser in Hängematten gepackt werden. Wenn man dann mit blossen Beinen im Wasser stand, da zwickten sie einen sanft in die Waden. Wir juchzten dabei und dies schien den beiden zu gefallen. Aber sie verletzten uns nie, denn sie vertrauten uns total.

Als die Delphinshow im Frühjahr 1976 von Konstanz in einem Satz nach Berlin ging, fuhr ich mit Walter Sterk voraus. Er hatte ein originelles Gefährt. Ein ehemaliges Postpaketfahrzeug, das etwa die Grösse eines Pkw’s hatte, aber als Lkw zugelassen war. Dieser Westfaliaaufbau wurde intern ”Contergan” genannt.
Als wir mit diesem Gefährt an die Zonengrenze kamen und die Vopos die Zulassung sahen, schickten sie uns zur Lkw-Abfertigung und dort wollten sie uns wieder zu den Pkw’s verweisen. Aber als wir unsere Plakate zeigten und den DDR-Zöllnern ein paar Delphinplakate schenkten, liessen sie uns weiterfahren.

In Berlin angekommen, begannen Walter Sterk und ich mit der Werbung. Da die normalen Circustransporte viel zu langsam gewesen wären, liess Conny Gasser das Bassin und Gradin auf zwei Speditionslastwägen packen und diese fuhren mit dem Chapiteauwagen in knapp 20 Stunden von Konstanz nach Berlin durch. Mit bei dieser Vorhut war Günter Schmidt, der frühere Stellvertreter von Walter Nones beim Circo Moira Orfei. Sterk und ich hatten zwanzig Helfer vom Arbeitsamt organisiert und mit diesem Laienteam bauten wir das Chapiteau und Bassin auf. Denn zwei Tage später kamen mit dem Flugzeug die beiden Delphine an. Sterk besorgte einen Transporter vom Kaufhaus des Westens und darin wurden mit grossem Medienrummel die beiden Delphine zum Lützowplatz gefahren und dort wieder in ihr Bassin gesetzt.

Kurz danach kamen nach und nach alle anderen Transporte an und diese bauten das Gradin und weiteres auf. Nun konnte ich mich mit dem Team wieder auf die Werbung konzentrieren.
Ich fror in Berlin, wo es manchmal leicht schneite. Denn zwei Wochen vorher war ich noch beim Zoo-Circo-Nones in Sizilien, wo es wesentlich wärmer war. Nach diesem Einsatz in Berlin ging ich als Werbeleiter an das Landestheater Württemberg-Hohenzollern LTT nach Tübingen. Auch dort besorgte ich uns so eine Werbefahrzeug ”Contergan” und sorgte dort für ungewöhnliche Theaterwerbung. Fast wäre ich mit Conny in Südafrika auf Tournee gegangen. Aber meine Verpflichtung ans Theater war mir damals wichtiger.

Als die Zeit der reisenden Delphinshow’s zuende ging, schuf Conny Gasser seinen Freizeitpark Conny-Land mit stationärem Delphinarium in (F)Lipperswil in der Schweiz. Dort besuchte ich ihn öfters und erlebte die Entwicklung seines neuen Weges. Auch wenn wir nun zu keiner Zusammenarbeit mehr zusammen fanden, so hatte ich vor dem Geschäftsmann Conny Gasser grossen Respekt.

Vor drei Jahren starb völlig überraschend Conny Gasser bei einem Krankenhausaufenthalt und ein halbes Jahr später seine Frau Gerda an ihrer langjährigen Krebserkrankung.
Nun leiten Röbbie und Nadja mit ihren Familen die Geschicke des Connyland, mit dem sich Conny auf liebenswerte Weise sein Denkmal geschaffen hat.

Peter Burger

Foto: Berliner Tagesspiegel vom 26.3.1976
(Der grosse Typ mit Parka im Hintergrund war ich, links davon der Kopf von Conny)
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Mit circensischen Grüßen

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Re: Conny’s Flippershow

Ungelesener Beitragvon heinzstiel » 02.11.2012, 20:40

Ich habe den Bericht über Connys Flippershow gerade erst entdeckt. Es muß wohl 1975 gewesen sein, da gastierte die Definshow in Würselen auf der damaligen Wirtschaftsschau. Selbstverständlich habe ich mit meinen Eltern die Delfinschau besucht und wir waren begeistert. Schon klasse, was damals noch möglich war. Ich bin froh, dass ich diese Zeit noch miterleben durfte.

Gruß Heinz
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Re: Conny’s Flippershow

Ungelesener Beitragvon Circusworld » 14.08.2016, 08:11

Ermäßigungsgutschein. :)
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Re: Conny’s Flippershow

Ungelesener Beitragvon Circusworld » 14.08.2016, 08:29

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