Heiligabend 1973 im Winterquartier d. Circus Willy Hagenbeck

Geschichten, Erinnerungen, Märchen und Gedichte

Heiligabend 1973 im Winterquartier d. Circus Willy Hagenbeck

Ungelesener Beitragvon Circusworld » 17.01.2011, 23:07

Diese Geschichte bekam ich kürzlich per Email zugeschickt:

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Heiligabend 1973 im Winterquartier des Circus Willy Hagenbeck in Altenhundem/Sauerland.


Am Vortag vom Heilig Abend endete der Arbeitstag für uns schon am Mittag. Frei bis zum 2.Januar.
Nach dem Mittagessen gab es den Lohn bis zum Jahresbeginn ausgezahlt. Im Winterquartier gab
es für jeden,egal wieviel er während der Saison verdient hat, 60.00 DM die Woche.
Nach der Auszahlung fuhren dann alle aus der Verwaltung sowie auch der Koch Helmut und seine Frau Hilde ab in ihre angestammten Wohnungen. Wir waren nun alleine. Insgesamt 20 Arbeiter und Tierpfleger. Ein Teil der Tierpfleger war mit Braune und Heppner und einigen Tiernummern in Ungarn am Staatscircus in Budapest. Zuständig für die Küche war jetzt die Toni, die während der Reise mit ihrem Mann unter anderem den WC-Wagen betreute. Zu ihnen gehörte noch der Sohn Dirk.
Nachdem um 15.00 Uhr der Kaufmann seinen Laden wieder geöffnet hatte zogen wir los um uns für die Feiertage einzudecken. Wichtigste Artikel waren Bier,Schnaps, Lambrusco und Tabak. Ansonsten eben noch diverse Kleinigkeiten, die so gebraucht wurden. Da das Bier gleich Kistenweise gekauft wurde, bot der Kaufmann an, die Sachen nach Geschäftsschluß zu liefern. Natürlich stimmten wir zu und zogen ab. Als Wegzehrung nahmen wird dann noch einzelne Bierflaschen mit. Hatten ja immerhin ca 10 Minuten zu laufen. Am Platz angekommen, hatte die Toni schon das Abendessen zubereitet und einige halfen ihr die Sachen vom Küchenwagen in den Aufenthaltswagen zu tragen. Wie immer war es gut und reichhaltig. Gegen halb sieben kam dann der Kaufmann und wir nahmen unsere Einkäufe in Empfang.
Schnell hatte jeder seine Sachen gefunden und dann verzogen sich alle damit in ihr Wohnwagen um sie zu verstauen.
Anschließend traf man sich noch in der in der Halle befindlichen Manege und es wurde noch ein Schlummertrunk zu sich genommen. Einige spielten auch noch eine Runde Tischtennis, andere saßen im Aufenthaltswagen beim Fernsehen.
Jeder tat halt wozu er Lust hatte. Der Schlummertrunk war etwas ganz spezielles. Der Inhalt des Lambrusco wurde halbiert und dann wurde sie mit einer Flasche Rum wieder aufgefüllt. Ein teuflisches Gesöff, das ganz anständig in die Birne ging. So dauerte es dann auch nicht mehre allzulange bis alle sich verzogen hatte.
Heilig Abend. Es hatte schon die ganzen Tage geschneit. Auch heute morgen war es noch im Gange. Unsere Wohnwagen standen hinter den Hallen und wurden so durch diese vom Wind geschützt. Aber nur wenn er nicht aus östlicher Richtung kam, denn von der Seite war alles offen. Aber es war ein schönes Bild. Die Schneehauben auf den Wohnwagendächern sahen richtig heimelig aus. Mir gefiel es. Habe wohl irgendwo eine romantische Ader:-) . Nach dem Duschen, jawohl Duschen, ging es zum Frühstück. Nochmal zum Duschen. Mitten auf dem Vorplatz des Geländes gab es ein Gebäude, in dem vier Duschen waren, sowie ein Raum in dem es vier Waschmaschinen gab, sowie einen Trockenraumm und einige Toiletten.
Dementsprechend war es das meistbesuchte Gebäude. Wie jetzt die freie Zeit verbringen ? Die einzigen, die arbeiten mußten, waren die Tierkutscher und so beschloßen wir dann, denen zu helfen. So waren dann misten, einstreuen, Füttern und Tränken schnell erledigt.
Ich hatte beschlossen mein Abteil, ich hatte einen halben Wagen für mich, umzugestalten und auch neu zu streichen. So fing ich dann langsam an. Konnte ja nicht so schnell arbeiten, da da ja noch viel Zeit war bis unsere Arbeit wieder losgehen sollte. Dann war auch schon Mittag. Es gab Bratkartoffeln mit Spiegeleiern. War von allen gewünscht worden da die Toni eine wahre Meisterin in der Herstellung dieses Gerichtes war und man sich so richtig in das Essen reinknien konnte. Anschließend gab es noch Kaffee, der ständig in einem Riesenkessel auf dem Herd stand und nie zu Ende ging. Den Nachmittag verbrachte ich dann wieder mit arbeiten,aber langsam, nachdem ich erstmal eine Runde Augenpflege gemacht hatte, im Abteil. 18.00 Uhr, Abendbrotzeit. Aus allen Wagen kamen die Kollegen und gingen zum Aufenthaltswagen. Im Küchenwagen waren Toni und Familie schwer am wirken. Sie riefen uns zu, das es heute erst um halb sieben Essen gibt und meinte wir sollten uns noch verziehen. Ja, so war sie, immer geradeheraus. Sagte, was sie dachte. Also zogen wir ab in die Stallungen und halfen den Kutschern noch bei ihrer Arbeit. so waren dann auch sie gegen halb sieben durch und gemeinsam ging es zum Wagen. Toni hatte inzwischen die Küche dicht gemacht und alle drei Sauers taten sehr geheimnisvoll.
Alwin Sauer öffntete die Tür vom Aufenthaltswagen und wir konnten rein. Erstmal stutzen wir. Der Wagen war drinnen weihnachtlich geschmückt.
Auf den Tischen stand an jedem Platz ein bunter Teller. Auf dem Teller daneben lag an jedem Platz ein ganzes gebackenes Hähnchen.
Etliche Schüsseln mit Kartoffelsalat standen auch auf dem Tisch. Im Fernsehen lief eine Weihnachtssendung. Gab wohl heute abend
nichts anderes. Wir staunten nicht schlecht. Mit ihrer keifenden Stimme wünschte uns Toni eine frohe Weihnacht im Namen der Direktion, die alles gestiftet hatte. Das war eine gelungene Überraschung. Wir nahmen Platz und hauten rein. Auf dem Ofen stand noch ein Kessel mit Würstchen und einer, in dem sich Punsch befand. Es wurde ein gelungener Abend. Ich beobachtete die Kollegen ein wenig und stellte fest, das doch bei einigen so etwas wie Wehmut im Gesicht lag. Waren wohl einige dabei, die zum ersten Mal Weihnachten nicht zu Hause ware. Mir machte es nichts, denn ich war schon von Jugend an selten am Heiligen Abend zu Hause. Irgendwann im laufe des Abends, der Alkohol tat schon das seinige, kam der Hirsch auf die Idee, das wir in die Kirche auf dem Berg gehen sollten.
Wir sahen ihn alle ungläubig an und fingen dann an zu lachen. Die Idee war nicht schlecht, obwohl mein Verhältnis zur Kirche nicht das beste war. Es lag daran, das mir der Pastor während des Konfirmandenunterrichts die Bibel immer so einbleuen wollte, indem er sie mir auf den Kopf schlug oder mit ihr nach mir warf, bis ich sie mal auffing (war ja schließlich Handballtorwart)und
zurückwarf. Dummerweise traf sie ihn am Kopf. Das Ergebnis war, vier Samstage am Nachmittag in der Schule nachsitzen. Ausgerechnet immer zu der Zeit wenn wir Handball spielen sollten oder Training beim Radkunstfahren war. Schicksal, habe es aber überlebt.
Zurück zu Hirsch's Idee. Wir verzogen uns also in unsere Abteile um uns warm anzuziehen. Obwohl es noch immer schneite war der Himmel Sternenklar und es war eisig. Aber Knobelbecher und Parka hielten ja warm.So ging es dann los. Familie Sauer, Tibi,Ritter und Emma gingen nicht mit. Auf der anderen Seite unseres Geländes wohnte der Fahrlehrer, ebenso wie der Kaufmann und der Mühlenwirt, ein guter Freund vom Braune. Durch ein Fenster strahlte das Licht des Tannenbaumes nach draussen. Auch auf unserem Vorhof stand ein Tannenbaum, den die Elektriker mit Lichterketten behängt hatten. Dieses Licht beleuchtete den ganzen Hof. Weiter ging es, die Straße entlang zur Straße,
die den Berg rauf führte. Vorbei am Kaufmann und dem Lokal Mühle. Vor diesen beiden Häusern hielten wir einen Moment an. Irgendwie sahen sie gemütlich aus, denn auch aus ihnen drangen die Lichter der Tannenbäume auf die Straße. Aus den Schornsteinen stieg der Rauch gerade nach oben. Ein Bild wie auf einer Karte. Wir zogen weiter, bogen rechts ab und die Srtaße wurde steiler. Es war ein schlechtes gehen, denn der Schnee lag doch schon ziemlich hoch. Aber es störte niemanden. Im Gegenteil, die beiden Hamburger, Günther und Heini, fingen an
Weihnachtslieder zu singen. Nach und nach stimmten alle, so gut jeder konnte, mit ein. Aber bei dem was wir Intus hatten fiel niemand auf.
Auf halber Strecker verhielten wir noch einmal und blickten zurück. Schwach waren durch den fallenden Schnee die Lichter unseres Geländes sowie die von Altenhundem zu sehen. Mich beeindruckte dieses Bild und war überzeugt, das es trotz oder vielleicht auch wegen des Alkohols, auch noch einigen anderen so ging. Weiter ging's. Wir waren oben angekommen. jetzt war es nicht mehr weit. Komisch war nur, das außer uns niemand unterwegs zur Kirche(es war mehr eine Kapelle) war. Kein Auto hatte uns überholt oder war uns entgegengekommen. Die Kapelle kam in Sicht. Der Parkplatz vor ihr war leer. Aus bekannten Gründen machte sich aber keiner Gedanken darum. Wir gingen um das Gebäude zur Tür. An dieser hing ein großer Zettel. Der Rück ging vor und fing laut an zu lesen. Dann gluckste er mit seiner unnachahmlichen Lache los und konnte sich nicht wieder einkriegen. Alles stimmte mit ein. Was stand da geschrieben ? Letzte Andacht 22.00 Uhr. Wir aber wollten ja zur Mitternachtsmesse, die aber gab es nicht. Wir hatten ja flüßigen Heizstoff dabei und ließen die Flaschen unter johlendem Gelächter kreisen. Plötzlich Stille. Schritte näherten sich aus dem angrenzenden Wald. Wir nahmen sofort Abwehrhaltung ein. Aus dem Waldweg trat ein Mann auf uns zu und fragte, was denn wohl hier los wäre. Die Gegenfrage war, was es ihn denn wohl anginge. Es war der Pastor. Der Rück erzählte ihm unter glucksendem Lachen das wir vom Circus wären und was wir hier wollten. Erst sah er uns erstaunt an, dann fing auch er an zu lachen. Er unterhielt sich noch etwa eine halbe Stunde mit uns und nahm auch dreimal einen Schluck aus einer der Flaschen. Dann verabschiedete er sich und meinte, das er diese Geschichte bei der nächsten Predigt seiner Gemeinde erzählen müßte. Wir hatten nichts dagegen, verabschiedeten uns und zogen gen "Heimat".
Das war der Heilig Abend 1973. Wobei, dieses ist nur ein kleiner Auszug.
Ich hoffe Du hattest etwas Spaß beim Lesen.

Wolfgang Adam
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