Mein Rückblick: Dompteur, Tierlehrer, Tiertrainer

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Mein Rückblick: Dompteur, Tierlehrer, Tiertrainer

Ungelesener Beitragvon Frank Hoffmann » 26.03.2013, 22:33

Dompteur, Tierlehrer, Tiertrainer

Ich stehe in der Tierschau des Circus Roland am Berliner Funkturm vor dem Tigerwagen und unterhalte mich mit Franz Kraml, der gerade von einer Dressurprobe aus dem Zelt kam. Lässig - eine Zigarette in der Hand - lehnt er an der Absperrung, als käme er von einem Spaziergang. Kurz darauf kommt auch Charly Baumann heraus, schweißtriefend sieht man ihm die gewaltige Anspannung an, die hinter im lag. Zu dem Zeitpunkt war er ja schon lange kein Anfänger mehr. Hatte er doch - in bestechender Manier - jahrelang die 6 Löwen-Männer der holländischen Dressurschule Eric Klant ( Schwiegersohn von Willy Hagenbeck ) als "Tarzan", nur mit einer Leopardenfell-Badehose bekleidet, vorgeführt. Diese Gruppe war gerade, altersmäßig, aufgelöst worden. Franz Kraml hatte diese 6 Tiger in der Tierhandlung RUHE in Alfeld an der Leine dressiert und war nun dabei, diese an Charly Baumann zu übergeben.
Charly Baumann hat dann später diese Gruppe vergrößert und weitere Dressur-Tricks eingearbeitet bis er schließlich nach sensationellen Erfolgen in Europa mit den Tigern zu RINGLING nach Amerika ging und von dort nicht mehr wiederkehrte. Vor seinem Ruhestand wurde er dort RINGLING-Manager.
Diese geschilderte Situation hatte mich stark beeindruckt, zeigte sie doch, wie gewaltig die nervliche Anspannung für den Dompteur ist. Ein gesundes "Mißtrauen gegenüber dem Raubtier ist lebensnotwendig. CLYDE BEATTY bei RINGLING in den USA hatte dies ganz deutlich erkannt. Obwohl er von Berufs-Kollegen als " Möbelträger " belächelt wurde - er arbeitete auf "Wild" mit vorgehaltenem Stuhl - war er doch ein großer Kenner der Raubtier-Seele. Er hatte bis zu 40 Tiger und Löwen in der Mittel-Manege und hat dabei Hunderte von Stühlen "verarbeitet".
Manche Dompteure, die durch die Nähe zum Tier dieses Mißtrauen - Vorsicht ist vielleicht ein besseres Wort - verloren haben, sind Opfer ihres Berufes geworden. Manche Dompteusen sind gerade deshalb von ihrem Lieblingstier getötet worden, so Mizzi Haupt, die Frau von Herrmann Haupt (beim alten SARRASANI).
MABEL STÁRK bei RINGLING ist aus dem gleichen Grunde von ihren Tigern übel zugerichtet worden. Sie schlief im Eisenbahn-Wohnabteil mit ihrem Lieblingstiger in einem Bett. In einer Sturmnacht wurde sie von Kollegen um Hilfe gebeten. Sie verließ hastig das Abteil und heftete noch einen Zettel an die Tür "Vorsicht, der Tiger ist drin". Kurz danach betrat nichtsahnend ein Kollege ihr Abteil, der Wind hatte den Zettel abgerissen. Er wurde auf der Stelle vom Tiger getötet ! MABEL STARK hat sich später selbst das Leben genommen, als ehemalige Revue-Girl-Schönheit konnte sie beim Blick in den Spiegel Alter und Verletzungs-Narben nicht mehr ertragen !!
Die Zahl der tödlichen Unfälle hat sich in den letzten Jahrzehnten - die meisten tödlichen Unfälle ereignen sich jedoch mit Kamel-Hengsten - bedeutend verringert. Als Hintergrund sehe ich, daß es den Zoologischen Gärten gelungen ist, den Beruf des Zoo-Tierpflegers als Lehrberuf einzuführen.
Die heutige Dompteurs-Generation hat - abgesehen von wenigen Autodidakten - ausschließlich diese Laufbahn - mit dem nötigen Hintergrund-Wissen eingeschlagen.
Früher kamen die Dompteure fast immer aus dem Fleischer-Handwerk. Als "Kutscher" bestand ihre Tätigkeit neben der Tierpflege und den Reinigungsarbeiten im Zerteilen der Schlacht-Hälften. Fritz Schultz (Schüler von Herrmann Haupt ), ein Deutscher, den ich in Australien traf, kaufte die Schlacht-Tiere direkt beim Farmer und schlachtete diese selbst hinter einer Leinwand, auch er hatte "Schlachter" gelernt. Kurioserweise ließ er das Fell am Fleisch und verfütterte auch die Eingeweide, um eine möglichst naturgetreue Nahrung seinen Löwen anzubieten.
Seine Chance zum Start als Dompteur hatte der Kutscher, wenn es einen Unfall gegeben hatte und er, der wußte, wie die Nummer ablief, einspringen konnte. Bei einem tödlichen Unfall war es oft der Start fürs ganze Leben.
Unfall-Ursache war oft - aus meiner Sicht - , daß die Dompteure zu oft gewechselt wurden (z. B. beim alten SARRASANI). Es ist extrem schwierig, eine solche Gruppe zu übernehmen, wenn man dann nur auf die Information des "Kutschers" angewiesen ist. Besser ist der Dompteur dran, der eigene Tiere hat und diese bereits als Jungtiere in die Dressur nehmen kann.
In den Nachkriegsjahren gab es für den Dompteur oft schwierige Bedingungen. Es gab keine Auswahl an Tieren und so waren diese Leute gezwungen, mit Tieren zu arbeiten, die für die Dressur nicht geeignet waren oder einen schwierigen Charakter hatten. Die besten Beispiele hierfür sind ALEX KERR in England oder GEORG WEISS in der jungen DDR.
Eine weitere Unfall-Ursache ist, wenn jemand im Manegen-Käfig zu Fall kommt. Die Tiere sind irritiert und halten ihren Herrn für ein Beute-Opfer. Umsomehr ist die Dressur-Leistung von MARTIN LACEY jun. zu bewundern, wenn er
sich zu Boden wirft und eine Löwin in Richtung Käfig-Ausgang über ihn hinwegspringt.
Tragisch der Unfall von MANFRED HORN, jahrelang Assistent von URSULA BÖTTCHER mit ihrer Eisbärengruppe in der DDR. Manfred wollte endlich etwas Eigenes schaffen und bekniete seine Vorgesetzten vom Staatscircus. Diese kauften ihm schließlich 4 riesige Kamchatka-Bären, die bis dahin als undressierbar galten. Er machte sich an die Arbeit und hatte die Gruppe schließlich kurz vor der Premiere. Inzwischen war die "Wende" gekommen und man war im westdeutschen Circus BUSCH-ROLAND. Entgegen der Warnung von Kollegen, Honigbrot-Leckerli zu verwenden, hatte er sich die Futter-Tasche mit Fleischbrocken - wie bei allen Großkatzen üblich - vollgestopft. Es passierte bei einer Dressur-Probe. Manfred stürzte und sofort waren die Bären über ihm, machten sich zunächst über die Futtertasche her, begannen dann aber ihren Herrn bei lebendigem Leibe aufzufressen. Draußen natürlich Panik und Entsetzen. Als schließlich DANY CESAR, der Partner von YASMIN SMART endlich mit einem Feuerlöscher die Tiere vertreiben konnte, waren die Beine schon bis auf die Knochen abgenagt ! Manfred Horn verstarb kurz darauf im Kranken-Haus, Die Bären kamen zum Tierpark Hagenbeck, wo sie heute soch zu sehen sind.
Schwierig ist auch immer das Einarbeiten von neuen Tieren in eine bestehende Gruppe. Löwen sperren sich - naturgemäß - gegen jeden Rudel-Neuling. Verkleinert doch jeder weitere "Fresser" die Futterportionen für jeden.
Tiger und Leoparden sind Einzelgänger und können sich oft "nicht riechen", was sie dann auch deutlich zeigen !
Die heutige Dompteurs-Generation sehe ich - aus meiner Sicht - für die "Letzten ihres Standes". Als Hintergrund steht die gewußt gesteuerte Antipathie gegen den Tier-Circus in der gesamten Presse, bei gewissen Politikern und breiten Teilen der Bevölkerung durch "Tierschutz-Aktivisten" wie "PETA" oder "4 Pfoten"
Leider hat es die Führung der "GCD" jahrelang bewußt verschlafen, hiergegen rechtzeitig geeignete Schritte zu unternehmen. "PETA-Leute" gehen heute mit dem Thema "Tierschutz" in die Schulklassen und vergiften dort die Kinderseelen gegen den Tier-Circus.
Der Tierlehrer OTTO SAILER-JACKSON ging seinerzeit als Rentner ebenfalls in die Schulklassen und verbreitete dort mit seinen Lebens-Erinnerungen Circus-Begeisterung ! Er war übrigens einer der Wenigen, die ihre Laufbahn ohne größere Verletzungen beenden konnten. Bekannt war er für seine Begabung, Tiere zu dressieren, die als undressierbar galten, z. B. Tapir oder Jaguar.
Gegenstück zu ihm war der Dompteur TOGARE, der sich oft einen Spaß daraus machte, Leute zu schockieren. Er zeigte seine vielen Narben von Raubtier-Attacken, die seinen Körper entsetzlich entstellt hatten.
Auf der Suche nach immer neueren Attraktionen hat man versucht, Raubtiere und deren Beute-Tiere = Hunde, Ziegen, Schafe, Ponnies, Pferde und Bisons gemeinsam arbeiten zu lassen. Ich selbst hatte da immer ein ungutes
Gefühl, auch bei den großen gemischten Gruppen. Aufgrund ihrer Natur-Instinkte entstehen beim Raubtier Spannungen und Ängste beim Beute-Tier. Das beste Warn-Beispiel hierfür war das Aushängeschild des Russischen
Staats-Circus= 4 Mähnenlöwen ritten auf 4 Rappen. Nach Riesen-Erfolgen endete das Ganze eines Tages in einem blutigen Inferno, als die Löwen ihre Tragetiere anfielen und zerfleischten.
Die einzige Zukunft sehe ich für den Tier-Trainer, der für Film und Fernsehen im Hintergrund arbeitet. Diesen Weg ging schon DIETER KRAML, der Sohn von FRANZ KRAML mit seinem Bären-Team.
MARCEL UND JASON PETERS in Spanien sind wohl auf demselben Wege.
Unglaublich und vor allem hautnah ist der Kontakt mit Hyänen und Löwen, den ein "MR.ROBERTS" in seinem Dressur-Camp in Afrika zeigt. Gesehen in der Fernseh-Reportage "Der Löwenmann".

Frank Hoffmann, Insel Föhr
Frank Hoffmann
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